„Schilder basteln reicht heute nicht mehr“

Interview mit Cesy Leonard

Kunstaktion Kindertransporthilfe des Bundes

1) Wie seid ihr auf die Idee zu der Kampagne gekommen?

 Die erste Initialzündung war 2011 als ich den Oscar prämierten Dokumentarfilm, „Into the arms of strangers“ sah. Ich habe das syrische Tagesgeschehen verfolgt und es war immer sehr schwer für mich zu sehen, dass Menschen die Hoffnung verlieren und denken, sie hätten keine Zukunft mehr. Ein Freund von mir, ein Journalist, hat sehr aufmerksam verfolgt, was dort passierte. Eines Tages ist er zu mir gekommen und meinte „da müssen wir was machen“. Jeder weiß doch, was dort passiert und doch zögern alle, etwas zu tun. Die Idee der Kindertransporthilfe war für uns die Möglichkeit aktiv zu werden.

Cesy Leonard // public link GmbH

Cesy Leonard // public link GmbH

2) Aus PR-Sicht kann man Euer Engagement als Guerilla-Aktion verstehen. Müssen Maßnahmen heute so sein, damit man mit seinem Anliegen überhaupt noch gehört wird?

Ja, es reicht leider nicht mehr zu demonstrieren und Schilder zu basteln. Die einzigen, die noch laut werden sind Aktivisten. Wir haben uns von den „Yes Men“ Aktivisten aus New-York inspirieren lassen. Man muss sich heutzutage sich sehr laut äußern, um sich überhaupt noch Gehör zu verschaffen.

3) Wer hat euch unterstützt?

Der harte Kern unseres Team umfasst insgesamt fünf Personen, sehr engagierte Menschen, darunter auch Journalisten, die in Krisengebiete reisen. Insgesamt haben wir für die Vorbereitung sechs Monate gebraucht, die Webseite und die Filme konnten wir in zwei Monaten und ohne finanzielle Mittel realisiert.  Die Kick-Start Kampagne haben wir durch die Crowdfunding Plattform indiegogo.com gelauncht (https://www.indiegogo.com/projects/zentrum-fuer-politische-schoenheit).

Unterstützung gab es für uns als Künstler auch vom Gorki Theater. Leider gab es keinen Kultur-Sponsor oder einen Fonds, der unser spontanes Anliegen unterstützt hätte. Aber wer weiß, was noch kommt.

4) Wie haben die Medien eure Aktion aufgenommen? Haben Journalisten auch mal verärgert reagiert, als sie feststellten, dass es sich um keine „offizielle“ politische Kampagne handelt?

In der erste Pressemeldung, die wir verschickt haben, wurde erwähnt, dass es eine Aktion des Zentrum für politische Schönheit war. Jeder konnte uns im Internet finden und leicht herausfinden, dass unsere Aktion keine Aktion der Bundesregierung ist. Wir haben ja von Anfang an gesagt, dass es sich um eine Kunstaktion handelt, eine Empfehlung an die Regierung.

Zentrum für Politische Schönheit // public link GmbH

Zentrum für Politische Schönheit // public link GmbH

5) Hat euch überrascht, dass so viele Medien eure Kampagne  zum Thema machen?

Ja klar! So einen großen Erfolg haben wir kaum erwartet. Die Kampagne wurde gelauncht und danach setzte eine starke Kettenreaktion ein. Wir dachten schon, dass das Thema ein paar Leute mobilisieren wird, aber nicht so viele und so kurzfristig. Meiner Meinung nach liegt es an der Strategie, wie wir die Aktion angegangen sind, aber auch an dem Thema an sich. Hier brauchen Kinder Hilfe und damit kann man Menschen schnell berühren.

6) Welches Ziel verfolgt ihr vor allem mit euren Aktionen?

Vor allem unterstützen wir das Recht auf freie Meinungsäußerung. Das machen wir auf unsere Art, mit Plakaten und Containern. Die Satire ist keine Unterhaltung, sie ist eher eine Moralpredigt. Sie ist ein offenes erzieherisches Mittel. Wir wollen Vorbild sein: Was könnte Deutschland in dieser schwierigen Situation tun? Unsere eigene Vergangenheit verpflichtet uns moralisch dazu, Flüchtlingen zu helfen und ihnen die Hand zu reichen. Wie geht Deutschland mit seinem Erbe um? Es gehört zur Pflicht der Erinnerung: Wir müssen durch solche Dinge andere zum Denken bringen.

Kunstaktion Kindertransporthilfe des Bundes an der Friedrichstraße // public link GmbH

Kunstaktion Kindertransporthilfe des Bundes an der Friedrichstraße in Berlin // public link GmbH

Interview und Fotos: Judith Morsel