#LauchAcademy – Wenn die Schweiz Berlin besucht und andersrum: ein interkultureller Vergleich

Als aktuelle Launch Academy Studentin hätte ich gern von meinen ersten Eindrücken von Deutschland berichtet, aber, da ich schon einige Jahre in Deutschland gelebt habe (insgesamt fast 7 Jahre, davon 2,5 in Berlin), habe ich vermeintlich wenig Neues zu erzählen. Daher habe ich mich dazu entschlossen, zwei meiner Schweizern Freundinnen, die zurzeit in Berlin wohnen, in Bezug auf ihre Eindrücke von Berlin und Deutschland zu interviewen. Glücklicherweise gibt es hier bei public link auch zwei deutsche Kolleginnen, die in der Schweiz waren, um dort zu studieren. Ich habe dann mit Jedem das gleiche Interview geführt, um die unterschiedlichen Eindrücke vergleichen zu können.

Persönliche Vorstellung

Nancy AndradeNancy  Andrade:  22, Schweizerin aus dem französischsprachigen Teil, Buchhalterin. Ihr gefällt: Mode, Reisen, Landschaften, glutenfreie Nahrungsmittel. Lebt in Berlin in einer Sprachschule für 6 Wochen, um ihr Deutsch zu verbessern. Wohnt bei einer Gastfamilie in Grünau. Sie ist der Meinung, dass die Mehrheit der Schweizer ein sehr hohes Englischniveau hat und dass sie deshalb mehr Chancen auf einen guten Job in der Schweiz hat. Da sie aus dem französischsprachigen Teil der Schweiz stammt (Sion/Sitten, VS), ist fließendes Deutsch ihre Trumpfkarte.

Foto-4Bettina Maatz : 24, Deutsche bzw. Berlinerin. Bachelorabschluss in Communication & Economics und abgeschlossener Master in Corporate Communication, den sie von 2011-2013 in der Schweiz in Lugano absolvierte. Sie begeistert sich für Reisen, Fußball, Autos und Nachhaltigkeitsthemen. Sie arbeitet seit Juli 2013 bei public link.

Essen und Trinken im Gastland

Nancy A.: In Berlin isst man den Tag über günstig, aber gesund. Man geht auch dreimal mehr ins Restaurant als in der Schweiz. Vielleicht liegt es daran, dass man in Berlin im Restaurant nicht so viel Geld ausgibt wie in der Schweiz. In meiner Heimat besuchen wir ein Restaurant nur, wenn wir etwas Besonderer zu feiern haben.

Bettina M.: Da ich in der italienischen Schweiz gelebt habe, gab es einen starken Einfluss des italienischen Lebens: Oft wurde erst spät gegessen. Ich war in Lugano häufiger im Restaurant als hier in Berlin. Das liegt bestimmt daran, dass ich als Studentin einfach mehr Zeit dafür hatte.

Geschmack

Nancy A.: Was mich am Anfang ein bißchen überrascht hat, war, dass die Deutschen öfters mit herzhaften als süßen Aufstrichen frühstücken.

Bettina M.: Italienische Restaurants waren in Lugano aufgrund der Nähe zu Italien natürlich sehr verbreite, aber da ich die italienische Küche sehr gerne mag, hat mich das nie gestört. Trotzdem war ich froh, dass es im Herbst und Winter auch immer Raclette und viele Marroni gab.

Welches  Produkt oder Gericht aus der Heimat hast du am meisten vermisst?

Nancy A.: Glutenfreie Produkte und vor allem Sojasauce ohne Gluten. Und ansonsten Trockenfleisch (typisches Produkt aus der Schweiz).

Bettina M.:  Vollkorn- und Roggenbrot und -brötchen.

Die schönste Geschmacksentdeckung im Gastland?

Nancy A.:  Snickers für 0,35€ (lacht).

Bettina M.: Käsefondue „moitié-moitié“.

Die komischste Mahlzeit, die du im Gastland probiert hast?

Nancy A.: Eine Ananasscheibe mit Schinken auf einem Toast (Toast-Hawaï).

Bettina M.: Für Pizzoccheri kann ich mich bis heute nicht begeistern.

Hast du den Eindruck, dass man dort mehr auf die Herkunft der Produkte geachtet hat?

Nancy A.: Nicht wirklich.

Bettina M.: Nicht besonders.

Aufnahme im Gastland

Nancy A.: Es braucht Zeit. Die Berliner sind nette Leute, aber nehmen sich nicht wirklich die Zeit, um mit dir zu reden.

Bettina M.: Ich war an einer internationalen Uni und dadurch war es einfach, Leute kennenzulernen – ob Schweizer oder nicht. Ich hatte eine richtig schöne Zeit in Lugano.

Sprachgrenze

Nancy A.: Ich habe Grundkenntnisse der deutschen Sprache und ich schaffe es meistens, mich verständlich zu machen und mit Leuten einfache Diskussionen zu führen. Es gibt in Berlin sowieso sehr viele Französischsprechende, aber auf Deutsch sind Witze wirklich schwer zu verstehen und noch viel schwieriger zu erzählen. Was mich aber beleidigt hat, ist dass es öfters passierte, dass man mir auf Englisch geantwortet hat, obwohl ich auf Deutsch gesprochen habe. Das war frustrierend.

Bettina M.: Im Alltag in Lugano braucht man Italienisch, dadurch war es am Anfang noch schwierig, die Menschen zu verstehen. Zu Beginn hatte ich Unterstützung von Freunden, die Italiener sind und nach einem Sprachkurs war es kein Problem mehr.

Lebensstandard

Nancy A.: Ich habe den Eindruck, dass man sich hier in Berlin viel leisten kann.

Bettina M.: Na ja, das Preisniveau im Alltag ist schon anders und in der Schweiz natürlich auch höher als in Deutschland.

Kulturelle Vielfalt

Nancy A.: In Berlin gibt es viel zu erleben, jeden Tag kann man etwas Kulturelles machen. Man merkt, dass diese Stadt eine Geschichte und eine Vergangenheit hat, dass sie viel erlebt hat, und die Stimmung ist dadurch multikulturell.

Bettina M.: Lugano selbst hat nicht so viele kulturelle Angebote, vielleicht hab ich auch nur nicht genug danach gesucht. Insgesamt denke ich, dass die Schweiz und Deutschland dahingehend vergleichbar sind.

Kulturelle Unterschiede

Nancy A.: Hier in Berlin gibt es eine Fahrrad-Kultur: es gibt überall Fahrräder, Radwege usw. Diese Stadt ist außerdem sehr gay-friendly und jeder kann tun, was er will. Man könnte sogar nackt auf die Straße gehen und niemanden würde es stören. Hier kann man außergewöhnlich und auffallend sein, hier darf man sich quasi alles erlauben.

Bettina M.: In der Schweiz gibt es, glaube ich, viele unterschiedliche Kulturen. In Lugano spielte Pünktlichkeit keine sehr große Rolle, was ich in der deutschsprachigen Schweiz ganz anders erlebt habe.

Umgang mit Menschen

Nancy A.: In Berlin sind die Leute vielseitiger und es gibt mehr Offenheit. Dagegen finde ich die Schweizer einfühlsamer, vielleicht liegt es an der Größe des Landes. Dass die Schweiz viel kleiner ist, erleichtert den Umgang mit den Menschen. In der Schweiz kümmert man sich zum Beispiel mehr, wenn ein Ausländer eine Straße sucht oder man ist aufmerksamer im Restaurant wenn es zum Beispiel um die Allergien der Gäste geht…

Bettina M.: Ich habe mich nie als Fremde gefühlt, aber man kann schneller Beziehungen zu Einwohnern aufbauen, wenn man Italienisch spricht, das ist ja aber auch ganz normal.

Währung

Nancy A.: Ich finde die 1- und 2-Cent-Stücke völlig unnötig und zudem behalten einigen Verkäufer automatisch das Rückgeld, wenn es so ein niedriger Betrag ist…

Bettina M.: Nichts Besonderes.

Kulturschock?

Nancy A.: Nicht wirklich, weil Berlin sehr weitläufig ist. Man fühlt sich nicht bedrückt, es gibt ganz viele Parks, Grünflächen, breite Straßen und eine stille und entspannte Stimmung. Man fühlt sich hier sofort wohl.

Bettina M.: Ja absolut, vor allem Dank des Klimas und der Landschaften.

Begrüßung

Nancy A: Mir ist nichts Besonderes aufgefallen.

Bettina M.: Mir ist ebenfalls nichts Besonderes aufgefallen.

Bestimmter Spruch/Motto?

Nancy A.: Es ist hier schwierig, jemandem „Bonne Chance“ zu wünschen, das ist irgendwas zwischen viel Glück, viel Erfolg und Toi Toi Toi!

Bettina M.: Das ist schwer zu sagen, im Alltag haben wir häufig Englisch gesprochen. Wenn wir in kleineren Gruppen Deutsch gesprochen haben, haben wir eher ein Mix aus Englisch, Italienisch und Deutsch gehabt – da sind mir typische Schweizer Redewendungen nicht so sehr aufgefallen.

Aktivitäten & Freizeit Angebote des Heimat- und Gastlandes im Vergleich (+ mehr/- weniger)

Museen & Ausstellungen

Nancy A.:  + Berlin (Ich hab mir sogar ein Eintrittskarte für alle Museen in Berlin für 25€ geleistet)

Bettina M.: + Berlin (tausendmal mehr, aber das kann ich nur mit Lugano vergleichen und nicht mit der gesamten Schweiz)

Preise

Nancy A.: – Berlin

Bettina M.: + Lugano (und die Schweiz allgemein)

Kino, Konzerte, Theater

Nancy A.: + Berlin

Bettina M.: + Berlin

Sport & Entspannung

Nancy A.: + Berlin

Bettina M.: In Lugano war die Umgebung insgesamt idyllischer und ich bin häufiger Outdoor-Aktivitäten nachgegangen als hier in Berlin. Hier gehe ich vor allem ins Fitnessstudio, zum Glück fahre ich aber mit dem Fahrrad zur Arbeit.

Nightlife (Bars, zu Hause bei Freunden, Clubs…)

Nancy A.: In der Schweiz verbringt man mehr Zeit bei Freunden wegen der hohen Preise. Hier in Berlin verbringt man mehr Zeit in Bars und Kneipen.

Bettina M.: In Lugano habe ich die Abende häufig mit Freunden in Bars oder bei einem von uns zu Hause verbracht. In Berlin gehe ich, um mich mit Freunden zu treffen, eher in Kneipen oder Restaurants.

Natur und Grünflächen

Nancy A: + die Schweiz, aber eine gute Note für Berlin für die Grünflächen.

Bettina M.: + die Schweiz, ich bin sogar regelmäßig 8 km am See entlanggelaufen. Ich habe sehr viel Zeit draußen verbracht, am See zu sitzen war pure Entspannung.

Ladenöffnungszeiten

Nancy A.: + Berlin (sehr praktisch dass man bis 22 Uhr einkaufen kann und die Spätis sind auch toll)

Bettina M.: Es hat mich nicht wirklich gestört, dass alles um 18 Uhr schließt, man muss sich eben darauf einrichten.

Verkehr  +/-

Öffentlicher Nahverkehr des Gastlandes

Nancy A.: + Berlin (in der Schweiz besitzt jeder sein Auto)

Bettina M.: – Lugano (im Nahverkehr gab es nur wenige Möglichkeiten)

Fahrplan

Nancy A.: + Berlin (aber bei der Ringbahn gibt es manchmal böse Überraschungen)

Bettina M.: – Lugano (Vergleicht man das mit Berlin, fährt ja fast nichts in Lugano)

Infrastruktur

Nancy A.: ++ Berlin (man kann jeden Ort erreichen!)

Bettina M.: +/- Ähnlich

Preise

Nancy A.: – Berlin  (sehr anständig)

Bettina M.: + die Schweiz

Anschlussmöglichkeiten

Nancy A.: + die Schweiz

Bettina M.: + die Schweiz (Innerhalb der Schweiz Zug zu fahren, habe ich als angenehmer empfunden)

Auto

Nancy A.: Ich könnte mir schon vorstellen, in Berlin mit dem Auto zu fahren. Das ist wahrscheinlich besser als in Lausanne.

Bettina M.: Ich hatte zwar ein Auto in Lugano, aber das habe ich eher für größere Distanzen genutzt, zum Beispiel um nach Mailand zu fahren. In der Stadt bin ich gelaufen.

Fahrrad

Nancy A.: In Berlin habe ich viel mehr Lust, Fahrrad zu fahren, weil es in der Schweiz viel hügeliger ist und Fahrradfahren dort mehr Sport als Verkehrsmittel ist.

Bettina M.: In Deutschland fahren sehr viel mehr Menschen Rad.

Auf den Punkt gebracht

Schweiz in 3 Worten

Nancy A.:  Angenehm[agréable], klein, langsam [lent]

Bettina M.(beschreibt Lugano): See, gechillt, Urlaubsfeeling

Berlin in 3 Worten

Nancy A.:  Leuchtend [lumineux], großzügig [spacieux], open-minded [ouvert d‘esprit],

Bettina M.: Heimat, laut, vielseitig

Schweizer in 2 Worten

Nancy A.: Kalt, aber empathisch

Bettina M.  (Lugano): Freundlich, offen

Berliner in 2 Worten                                                                                         

Nancy A: Nett, distanziert

Bettina M.: Multikulturell, eigensinnig

Gefühl, das man mit der Schweiz verbindet in einem Wort

Nancy A.: Sicherheit

Bettina M. (Lugano): Freude

Gefühl, das man mit Berlin verbindet in einem Wort

Nancy A.: Chance

Bettina M.: Neuanfang

Abschließend?

Nancy A.: Berlin ist anpassungsfähig und die Berliner Atmosphäre und Lebensart funktionieren nur in Berlin, weil Berlin Berlin ist. Hier fühlt man sich zudem sehr sicher.

Bettina M.: Ich erinnere mich gern an meine Zeit in Lugano zurück, ich habe sehr viele schöne Erlebnisse gehabt und tolle Menschen kennengelernt.

Nancy Andrade
(Nancy Andrade)

Bettina Maatz
(Bettina Maatz)

Fotos & Text: Judith Morsel