#LaunchAcademy – Wenn die Schweiz Berlin besucht und andersrum: ein interkultureller Vergleich – Teil 2/2

Was denken Deutsche über die Schweiz und was die Schweizer über den Alltag in Deutschland? Im ersten Teil berichteten Bettina und Nancy über ihre Eindrücke. Was Viktoria und Nathalie erlebten, erfahrt ihr heute im zweiten und letzten Teil meiner Interview-Reihe:

Persönliche Vorstellung

Nathalie Frieden Nathalie Frieden:  24, Schweizerin aus dem Waadtland, Studentin. Hat aber auch schweizerdeutschen Einfluss durch ihre Eltern. Ihr gefallen: Reisen, Sprachen, Extremsport,  Musik, neue Leute kennenlernen, ist von Russland fasziniert.  Lebt für sechs Monate in Berlin, um ihr Praktikumssemester durchzuführen. Studentin an der HES-SO Wallis (CH), Bachelor in Tourism & Management und Praktikantin bei der K.I.T. Group GmbH im Bereich der Kongressorganisation. Wohnt mit ihrem Freund in Kreuzberg.

Viktoria Lackner Viktoria Lackner24, Deutsche bzw. Berlinerin, Studentin. Ihr gefallen: Natur und Pflanzen, Reisen, Sport, die Schweiz. Zurzeit studiert sie im Master Sprache und Kommunikation in Berlin. Während ihres Bachelors der Sprachwissenschaft in Erfurt hat sie 2011 ein Erasmus-Auslandssemester in der Schweiz verbracht und sechs Monate in Bern gelebt.

Essen und Trinken im Gastland

Nathalie F.: In Berlin gibt es viel mehr Auswahl. In der Schweiz ist sie dagegen ein bisschen eingeschränkt: entweder Fast Food (das trotzdem teuer ist) oder ein piekfeines Restaurant.
Viktoria L.: Da die Preise in der Schweiz höher als in Deutschland sind, ging ich in Bern seltener ins Restaurant. Trotzdem war ich ab und zu auswärts essen. Wenn man aber 20 Schweizer Franken für eine Pizza zahlen soll, kann man sich weniger leisten als sonst. Es ist mir auch schon passiert, dass wir um 17 Uhr ins Restaurant gehen wollten, aber es erst ab 18 Uhr geöffnet hatte. Interessanterweise habe ich in der Schweiz häufiger Bier getrunken als in Berlin, doch das lag vermutlich daran, dass es das einzige alkoholische Getränk war, das wir uns finanziell leisten konnten.

Geschmack

Nathalie F.: In Deutschland sind alle Gerichte fettiger als in der Schweiz, vor allem isst man hier viel mehr sättigende Beilagen (Kartoffelpüree, süßen Kartoffelsalat…) und Wurst, Wurst, Wurst.
Viktoria L.: Ich liebe Käse, daher war es für mich großartig im Land des Fondues zu leben. Das Tessiner Brot fand ich auch super, weil man es so einfach teilen kann.

Welches  Produkt oder Gericht aus der Heimat hast du am meisten vermisst?

Nathalie F.: Schweizer Gruyère und ein gutes Filetsteak.
Viktoria L.: Fleisch und Obst waren sehr teuer und haben mir daher etwas gefehlt.

Die schönste Geschmacksentdeckung im Gastland?

Nathalie F.: Sechs Stück Makis für 2,50 Euro und Döner Kebab, der weniger als 2 Euro kostet.
Viktoria L: Hausgemachte Rösti, aber auch Schokolade von Cailler, wobei ich mir gleich die gesamte Schokoladenfabrik mit ihren vielen leckeren Schokoladensorten angeschaut habe.

Die komischste Mahlzeit, die du im Gastland probiert hast?

Nathalie F.: Speckknödel.
Viktoria L: Rösti als Fertigprodukt.

Hast du den Eindruck, dass man dort mehr auf die Herkunft der Produkte geachtet hat?

Nathalie F.: Hier bekommt man weniger Infos.
Viktoria L.: Nicht wirklich, da alle Bioprodukte in die Supermarktketten bereits integriert sind.

Aufnahme im Gastland

Nathalie F.: Es geht so. Das Problem ist, dass es in Deutschland einen Überfluss an Franzosen und französischen Touristen gibt und dadurch viele Vorurteile gegen Französischsprechende entstehen. Ich habe das Gefühl, wir Schweizer werden zu oft als Franzosen abgestempelt. Aber sonst ist hier alles entspannt.
Viktoria L.:  Sehr positiv. Es ist mir nie aufgefallen, dass die Leute gedacht hätten, dass ich eine nervige Ausländerin wäre. Aber ich muss sagen, dass es schwierig war, an der Uni Leute kennenzulernen. In meiner Schweizer WG hatte ich damit jedoch keine Probleme.

Sprachgrenze

Nathalie F.: Es nervt, wenn ich auf Deutsch rede und mir auf Englisch geantwortet wird. Ich fühle mich sehr beleidigt in diesen Momenten, als ob mein Deutsch nicht gut genug wäre. Auf der Arbeit gibt es bei mir auch viele Franzosen, ungefähr 20 Prozent.
Viktoria L.: Beim Hörverstehen verbessert man sich mit der Zeit, und es ist mir häufig passiert, dass auf Schweizerdeutsch geantwortet wurde. Das habe ich aber immer sehr positiv aufgegriffen.

Lebensstandard

Nathalie F: Angenehmer Lebensstandard, man hat den Eindruck, dass man sich hier mehr leisten kann.
Viktoria L.: Der Lebensstandard ist in der Schweiz allgemein höher als in Deutschland.

Kulturelle Vielfalt

Nathalie F: Es gibt viel mehr Angebote und eine größere Auswahl in Berlin, der Preis macht Vieles zugänglicher.
Viktoria L.: Mir ist aufgefallen, dass die Berner Fasnacht ganz anders gefeiert wird als in Berlin. Wirklich alle Leute machen mit, es spielen kleine Blaskapellen und andere Musiker, alle Kostüme sind sehr kreativ und die Stimmung ist unvergleichbar. Für Museen hatte ich eine Karte mit Ermäßigung und konnte dann z. B. in eine Ausstellung von Paul Klee in Bern gehen. Kino war hingegen viel zu teuer, um dort regelmäßig hinzugehen.

Kulturelle Unterschiede

Nathalie F.: Im Berufsleben verlassen alle Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz, sobald es 18 Uhr ist. Das ist in der Schweiz anders. Aber sonst gibt es in Berlin viel mehr Offenheit und viel weniger Werturteile.
Viktoria L.: Die beiden Kulturen sind sich schon ähnlich, das heißt, ich hatte keinen Kulturschock. Das Stadtbild war aber anders als hier, es gab viel weniger Obdachlose und Bettler, besonders in der Deutschschweiz. Ich habe den Eindruck, dass Schweizer sehr ordentlich sind und unter anderem vermittelten sie mir den Anschein, dass sie alle gut gekleidet, gepflegt, freundlich und schlank sind.

Umgang mit Menschen

Nathalie F.: Es ist einfacher sich einem Berliner als einem Schweizer zu nähern. Der Schweizer nimmt öfters Abstand.
Viktoria L.: Da habe ich nie schlechte Erfahrungen gesammelt.

Währung

Nathalie F.: Die 1- und 2-Cent-Münzen langweilen mich, ich finde sie unnötig.
Viktoria L.: Mir ist aufgefallen, dass es in der Schweiz statt einer 50-Rappen-Münze eine ½-Franken-Münze gibt. Das hat mich am Anfang etwas verwirrt (lacht). Außerdem kann man mit einem 200-Frankenschein überall bezahlen. Ich hatte das Gefühl, das stört keinen.

Kulturschock?

Nathalie F.: Unter der Woche nicht wirklich wegen dem Arbeitsalltag, aber am Wochenende ist es ganz anders, denn dann gibt es so viele Möglichkeiten etwas zu unternehmen und so viele Angebote…
Viktoria L.: Obwohl einige Deutsche zu mir meinten, dass die Schweiz doch kein richtiges Ausland sei, finde ich, dass es auf jeden Fall ein anderes Land ist, auch wenn die Unterschiede nicht so riesig sind. Ich habe mich dort sehr schnell wohlgefühlt.

Begrüßung

Nathalie F.: Am Anfang war es etwas merkwürdig für mich, den Frauen die Hand zu geben. Die Deutschen lassen sich nicht so gern berühren.
Viktoria L.: Ich habe zuerst gewartet, um zu sehen, wie mich mein Gegenüber begrüßt, um keinen Fauxpas zu begehen. Aber ganz schnell habe ich meinen Freunden ein Küsschen gegeben und sie umarmt.

Bestimmter Spruch?

Nathalie F.: Das typische Berliner „jut“.
Viktoria L.: Ein paar Wörter, wie z.B. „schmecken“ benutzen die Schweizer für „riechen“ und aber auch für „schmecken“, was manchmal zu komischen Situationen geführt hat. Ebenso gibt es das „Morgenessen“ für das Frühstück, das „Nachtessen“ für das Abendessen und „Finken“ für „Schuhe“.

Aktivitäten & Freizeit Angebote des Heimat- und Gastlandes im Vergleich (+ mehr/- weniger)

Museen & Ausstellungen

Nathalie F.: + Berlin
Viktoria L.: +/- Ähnlich

Preise

Nathalie F.: – Berlin
Viktoria L.: + die Schweiz

Kino, Konzerte, Theater

Nathalie F.: + Berlin
Viktoria L.: + Berlin

Sport & Entspannung

Nathalie F.: + Berlin
Viktoria L.: +/- Ähnlich, aber ich habe das Klettern sowohl in der Kletterhalle als auch am Felsen entdeckt, dort gehörte es zum Alltag. In Bern bin ich außerdem in der fast türkisfarbenen Aare geschwommen. Das Aareschwimmen gehört dort einfach dazu.

Nightlife (Bars, zu Hause bei Freunden, Clubs…)

Nathalie F.: In der Schweiz kocht man mehr zusammen oder isst abends einfach bei Freunden, danach geht es manchmal in den Club. In Berlin verbringt man generell mehr Zeit in Kneipen und sehr oft auch in Clubs.
Viktoria L.: In der Schweiz ist man häufiger zu Hause oder bei Freunden, hier in Berlin verbringt man öfters Abende in Bars, Kneipen und Clubs.

Natur und Grünflächen

Nathalie F.: + die Schweiz, aber positiv überrascht von Berlin.
Viktoria L.: +/- Ähnlich. Natürlich hat die Schweiz einen Vorteil mit den Bergen und den grünen Landschaften, aber in Deutschland gibt es auch viel Natur, so wie in Thüringen zum Beispiel.

Ladenöffnungszeiten

Nathalie F.: ++ Berlin (die Öffnungszeiten, weil man nach der Arbeit einkaufen gehen kann, es gibt eine große Auswahl zwischen Discountern und Geschäften mit gehobener Qualität (Karstadt, KaDeWe…))
Viktoria L.: Fast alle Supermarktketten hatten um 18 Uhr zu, aber man schafft es, sich darauf einzustellen.

Verkehr  +/-

Öffentlicher Nahverkehr des Gastlandes

Nathalie F.: + Berlin
Viktoria L.: +/- Ähnlich (Zug und Bus)

Fahrplan

Nathalie F.: + Berlin (aber Bern und Zürich sind auch nicht schlecht)
Viktoria L.: +/- Ähnlich (gut)

Infrastruktur

Nathalie F.: + Berlin
Viktoria L.: +/- Ähnlich (gut)

Preise

Nathalie F.: – Berlin
Viktoria L.: + die Schweiz (sehr teuer, auch mit Ermäßigung)

Anschlussmöglichkeiten

Nathalie F.: + Berlin
Viktoria L.: +/- ähnlich (gut)

Auto

Nathalie F.: Es sieht schwieriger aus, hier mit dem Auto zu fahren, wegen all der Bauarbeiten, der vielen kleinen Einbahnstraßen, die auf dem GPS nicht erfasst sind, und des Kopfsteinpflasters…
Viktoria L.: +/- ähnlich

Fahrradund Motorrad

Nathalie F.: Es gibt so viele Fahrräder in Berlin und es ist auch sehr praktisch, eines zu benutzen. Hier nimmt man lieber das Fahrrad, da die Stadt den Radverkehr besonders pflegt. In Berlin fahren sehr viel weniger Motorräder als in der Schweiz.
Viktoria L.: In Bern gab es sehr viel Werbung für die Benutzung des Fahrrads und das setzen die Berner auch wirklich um.

Auf den Punkt gebracht

Schweiz in 3 Worten
Nathalie F.: Natur, Seen, Arbeit
Viktoria L.: Berge, Ordnung, Klettern

Berlin in 3 Worten
Nathalie F.: Kultur, Bier, Geschichte
Viktoria L.: Grünflächen, Kultur, Baustellen

Schweizer in 2 Worten
Nathalie F.: Fleißig, verklemmt
Viktoria L.: Chic, sympathisch

Berliner in 2 Worten 
Nathalie F.: Facettenreich, offen
Viktoria L.: multikulturell, currywurstliebend

Gefühl, das man mit der Schweiz verbindet in einem Wort
Nathalie F.: Glück
Viktoria L.: Unabhängigkeit

Gefühl, das man mit Berlin verbindet in einem Wort
Nathalie F.: Außergewöhnlich
Viktoria L.: Heimat

Nathalie Frieden

Nathalie Frieden

Viktoria Lackner

Viktoria Lackner

Den ersten Teil verpasst? Dann hier entlang: HIER Fotos & Text: Judith Morsel